DFG-Projekt

 

Erschließung und Digitalisierung des Fotografen-Nachlasses Julius Groß (1908 - 1933)

Der inhaltlich und qualitativ herausragende Nachlass des Berliner Fotografen Julius Groß (1892 - 1986) gilt als zentraler Bestand für die bildliche Überlieferung der bürgerlichen deutschen Jugendbewegung. Das Projekt verfolgte daher das Ziel, rund 40.000 Bildobjekte aus dem Zeitraum von 1908 bis 1933 frei und dauerhaft zugänglich zu machen und so die Voraussetzung für eine umfassende Nutzung des Bestandes zu legen, stößt doch die Erforschung von Fotos und Bildern als historische Quellen auf zunehmendes Interesse in der Wissenschaft, insbesondere im Kontext von Ästhetik, Selbst- und Fremdrepräsentationen und Medialisierung im 20. Jahrhundert.

Dafür wird nun in der Online-Datenbank Arcinsys ein Findmittel bereitgestellt, das einen detaillierten Datensatz zu jeder Einzelfotografie mit digitalen Abbildungen verknüpft und ausführliche Kommentare zum Kontext jeder Fotoserie enthält. Zusätzliche Recherchemöglichkeiten, bei denen die Digitalisate besser genutzt werden können, gibt es hier.

Das Projekt lief von November 2012 bis August 2015. Es wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziell gefördert. Antragsteller war der Leiter des Hessischen Staatsarchivs Marburg, Dr. Andreas Hedwig. Die Projektleitung lag bei der Leiterin des Archivs der deutschen Jugendbewegung, Dr. Susanne Rappe-Weber.

Im Ergebnis liegen seit Projektende ausführliche Erschließungsdaten und Digitalisate zu 44.550 Fotografien vor. Eine Ausstellung, die vom 30.10.2015 bis zum 31.08.2016 in den Räumen des Archivs der deutschen Jugendbewegung zu sehen ist, zeigt auf Basis der Projektergebnisse die jugendbewegte Bildwelt von Julius Groß. Erarbeitet wurde die Ausstellung von den wissenschaftlichen Mitarbeiter/inne/n des Projekts, Marco Rasch M. A. und Maria Daldrup M. A. Eine intensive fachliche Diskussion erfolgte im Rahmen der Archivtagung "Zur visuellen Geschichte bewegter Jugend im 20. Jahrhundert", die, organisiert von Prof. Dr. Barbara Stambolis, der Vorsitzenden des wissenschaftlichen Beirats des Archivs, und Prof. Dr. Markus Köster, dem Leiter des LWL-Medienzentrums für Westfalen in Münster, vom 30.10. - 01.11.2015 stattfand. Eine Projektdarstellung bietet auch das Online-Nachschlagewerk "Visual History".

 

Zur Biographie von Julius Groß

Der gebürtige Berliner Julius Groß (geb. am 14. April 1892, gest. am 23. April 1986) gilt als der Haus- und Hoffotograf der (bürgerlichen) Jugendbewegung. Als Mitglied des Alt-Wandervogels (seit 1905) bzw. des Wandervogel e. V. (seit 1914) hatte er die Fotografie zunächst nur als Hobby betrieben. Spätestens mit der Übernahme des Wandervogel-Lichtbildamtes und dem Abschluss seiner Ausbildung zum Fotografen 1919 avancierte er zum stetigen fotografischen Begleiter von Veranstaltungen und Fahrten diverser jugendbewegter und lebensreformerischer Gruppierungen, darunter etwa des Alt-Wandervogels und Wandervogel e. V., des Kronacher Bundes, der Jugendmusikbewegung, der Adler und Falken, der Obstbaukolonie Eden oder auch des Jugendbundes des Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verbandes.

Insbesondere seine Fotografien bis in die frühen 1930er Jahre waren und sind bis heute prägend für die Binnen- und Außenwirkung eines lebensreformerischen und jugendbewegten Lebensstils, dem sich Julius Groß selbst bis ins hohe Alter verschrieben hatte. Dazu gehörten für ihn „die spartanische Lebensweise als Wandervogel und Kneippianer“ und die Erfüllung „im Wandern, Naturerlebnis, lustbetonter Berufsarbeit, mit Gesang und Flöteblasen (Atemübung!)“. Zum Gelderwerb lichtete Groß getreu seinem Werbeslogan „Wenn wo was los… Ruft Foto Groß!“ zudem zahlreiche Berliner sportliche, parteipolitische und private Ereignisse ab.

Als er mit über 80 Jahren Julius Groß auf sein Leben als Fotograf zurückblickte, resümierte er: „Es ist bitter aber wahr: Meine Zeit ist um [,] ich bin zu alt. Die Fotografie war mein Lebensinhalt, jetzt hat kein Mensch mehr Interesse für meine Arbeit: Die Alten, weil sie ihre schrumpligen Gesichter nicht verewigt haben wollen, die Jungen [,] weil sie selbst ihre Farbaufnahmen machen.“

Mit einem Umfang von insgesamt rund 160.000 Fotografien (Gesamtlaufzeit: 1908-1986), die Julius Groß dem Archiv der deutschen Jugendbewegung noch zu Lebzeiten übertragen hatte, ist sein Nachlass ein Schlüsselbestand für die Visualisierung von Jugendbewegung wie auch Lebensreform.